Politisierung von Tanz und Bewegung in postsozialistischen Kontexten.
Olia Sosnovskaya
Dissertationsstipendiat_in an der Akademie der bildenden Künste Wien | Abschluss-Stipendium des Doktoratszentrums 2026
Abstract
Die Forschung befasst sich mit kollektiven Bewegungen (körperlichen und politischen) im Postsozialismus, insbesondere mit deren Auswirkungen – Erschöpfung und der Zeitlichkeit revolutionärer Ereignisse – anhand der Methodik einer Bewegungspartitur. Sie untersucht Choreografien des Protests während des antiregierungsorientierten Aufstands 2020–21 in Belarus: Streiks, Protestmärsche und Nachbarschaftsversammlungen. Ausgehend von der Krise des öffentlichen Raums als Ort der Politik sowohl in autoritären Staaten als auch in zeitgenössischen Demokratien fragt sie, wie neue Formen kollektiver Choreografien politische Handlungsfähigkeit bewirken. Indem sie Erschöpfung als eine Eigenschaft politischer Bewegung betrachtet und Verletzlichkeit mit politischer Handlungsfähigkeit verbindet, zeigt sie auf, wie die Protestchoreografien des Aufstands von 2020–21 eine andere Perspektive auf politisches Handeln und Wandel eröffneten, indem sie den Fokus vom Protest als singulärer heroischer Tat auf die Entstehung neuer horizontaler, oft unsichtbarer sozialer Beziehungen verlagerten, die eine nichtlineare revolutionäre Zeitlichkeit etablieren.
Kurzbiografie
Olia Sosnovskaya ist eine Künstlerin, Autorin und Kulturorganisatorin, geboren in Minsk (BLR), lebt in Wien. Ihre künstlerische und wissenschaftliche Praxis verbindet Performance, bildende Kunst, text- und workshopbasierte Aktivitäten und befasst sich mit Formen politischer Organisation, Protestchoreografien, Bewegungspartituren und Schnittstellen zwischen Festlichkeit und Politik. Sie ist Mitglied der selbstorganisierten Plattform WHPH / Decentric Circles (https://workhardplay.pw/) und der künstlerisch-forschenden Gruppe Problem Collective, 10 die sich mit Streiks, Archiven, Lesepraktiken und Werkzeugen für die Auseinandersetzung mit übersehenen Geschichten und sozialen Kämpfen beschäftigt (https://problemcollective.org/). Ihre individuellen und kollektiven Arbeiten wurden unter anderem in der Kunsthalle Wien, bei e-flux, im Tanzquartier Wien, im Museum of Modern Art (Warschau), auf der Kyiv Biennial, der Biennale Matter of Art (Prag), im HKW (Berlin), im HAU (Berlin), auf der Manifesta Biennial (Kosovo) und auf der documenta fifteen präsentiert.