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Vom Schuhkarton zum Archiv: Überlegungen zur Produktion von Fotos im inter-revolutionären Raum zwischen der Nelkenrevolution und der Samtenen Revolution von 1974 bis 1989

Studienprogramm:
Doktoratsstudium der Philosophie

Betreuer_in:
Sabeth Buchmann

Ana de Almeida

Dissertationsstipendiat_in an der Akademie der bildenden Künste Wien | Abschluss-Stipendium des Doktoratszentrums 2026

Abstract

Diese Dissertation untersucht die Überschneidungen zwischen persönlicher Erinnerung, materieller Kultur und Geschichtsschreibung anhand einer Studie über das Archiv als lebendigen und performativen Ort der Wissensproduktion. Ausgehend von den Amateurfotografien von José Alberto, einem portugiesischen Studenten, der zwischen 1978 und 1987 in der ehemaligen Tschechoslowakei lebte, untersucht die Arbeit, wie private Bildmaterialien einen Einblick in die allgemeine Geschichte des politischen Aktivismus und der transnationalen Solidarität geben können. Das untersuchte Archiv ist sowohl intim als auch historisch: Es dokumentiert die Netzwerke und Vorstellungswelten, die das postrevolutionäre Portugal, das aus der Nelkenrevolution von 1974 hervorgegangen war, mit dem sozialistischen Osteuropa zu einer Zeit verbanden, als der revolutionäre Optimismus zu schwinden begann. Indem die Dissertation nachzeichnet, wie diese Bilder aufbewahrt, rekontextualisiert und neu interpretiert wurden, untersucht sie, wie Erinnerungen an Sozialismus, Internationalismus und Widerstand in alltäglichen fotografischen Praktiken fortbestehen.

Basierend auf Autotheorie und feministischen Erkenntnistheorien schaut sich die Studie das Sammeln, Kategorisieren und Ausstellen nicht nur als Strategien zur Erhaltung an, sondern als kreative Gesten, die relationale und emotionale Formen des Wissens hervorbringen. Aufbauend auf theoretischen Rahmenwerken von unter anderem Michel Foucault, Jacques Derrida, Ann Laura Stoler und Katherine Verdery konzeptualisiert sie das Archiv als vielschichtige Topologie, als eine Assemblage, in der Macht, Affekt und Interpretation kontinuierlich über persönliche, institutionelle und politische Terrains ausverhandelt werden.

Die Dissertation schaut sich diese Struktur anhand von drei miteinander verbundenen Modalitäten an: dem informellen Archiv, das auf körperlichen und emotionalen Erinnerungen basiert; dem institutionellen Archiv, das durch offizielle Aufbewahrungsorte repräsentiert wird; und dem geheimen Archiv, in dem staatliche Überwachungsakten Geheimhaltung als epistemologische Bedingung einerseits und als politische Praxis andererseits offenlegen. Diese Analysen führen zu einer Neudefinition des Archivs als performatives und partizipatives Feld, das durch wiederkehrende diskursive Motive wie den Panzer, die Nelke und das V-Zeichen belebt wird, die visuelle, politische und emotionale Geschichten über unterschiedliche Kontexte hinweg verbinden.

Durch die Verknüpfung von theoretischen Überlegungen und persönlichen Erzählungen plädiert die Dissertation für eine Neuinterpretation des Archivs – nicht als statischer Aufbewahrungsort, sondern als dynamischer und verhandelbarer Raum der Erinnerung, Emotionen und Macht. Zwischen dem postrevolutionären Portugal und dem postsozialistischen Mitteleuropa angesiedelt, schlägt sie vor, die Archivpraxis als lebendige Topologie zu verstehen, in der das Persönliche und Politische, das Emotionale und Historische, das Individuelle und Kollektive in einem ständigen Dialog stehen.

Kurzbiografie

Ana de Almeida ist Künstlerin und Autorin, die zwischen Lissabon und Wien wirkt. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Politik der Erinnerung, Archivierungsmethoden und der Schnittstelle zwischen persönlicher und kollektiver Geschichte. Dabei arbeitet sie oft mit Fotografie, Text, Video, Installation und Performance. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Aktivierung informeller Archive, um über revolutionäre Begehren, die intergenerationelle Übertragung von Widerstand und die Gestaltung politischer Subjektivitäten nachzudenken.

Sie promoviert derzeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien und beschäftigt sich mit der Bildproduktion zwischen der Nelkenrevolution und der Samtenen Revolution. Ihr Projekt mit dem Titel „From the Shoebox to the Archive” wurde u.a. im Rahmen eines IFK Junior Fellowship (2017–19) und entsprechender Forschungsaufenthalte an der Akademie der bildenden Künste in Prag und am Kunstzentrum der Katholischen Universität Porto entwickelt und später durch ein ÖAW DOC-Team-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2022–2025) unterstützt. In den letzten Jahren hat Ana de Almeida als Lektorin an den Instituten für Bildende Kunst und Kunst- und Kulturwissenschaften der Akademie der bildenden Künste Wien, am Institut für Transkulturelle Studien der Universität für angewandte Kunst Wien und am Institut für Germanistik der Universität Wien gearbeitet. Sie ist assoziierte Forscherin am GRAMA Graduiertenkolleg Medienanthropologie der Bauhaus-Universität Weimar.

Ihre Arbeit als Herausgeberin ergänzt die künstlerische und wissenschaftliche Praxis, indem sie Beiträge zu Publikationen und Gemeinschaftsprojekten leistet, die sich mit dekolonialen und postsozialistischen Perspektiven beschäftigen. Zuletzt hat sie die Anthologie „Standpoint Autotheory – Writing Embodied Experiences and Relational Artistic Practice” gemeinsam mit Mariel Rodríguez herausgegeben, die bei der Akademie der bildenden Künste Wien und Sternberg Press erschienen ist, sowie „Mitstreiten. Literarische Solidarität und anti-rassistische Verbündungen”, veröffentlicht unter dem Kollektiv Undercurrents Forum für linke Literaturwissenschaft.

Ana de Almeidas Werke wurden unter anderem in Institutionen wie Camera Austria, Kunsthalle Wien, Belvedere 21, MNAC und MAAT in Lissabon, Serralves Foundation in Porto, ICA Yerevan, CSULA Los Angeles, Tabakalera in Donostia/San Sebastián, House of Arts Ústí nad Labem und GHMP Prag gezeigt. Sie hat einen Prize for the Best Research Catalogue Expositions der Akademie der bildenden Künste Wien, das österreichische Staatsstipendium für Medienkunst und den BES Revelação Kunstpreis erhalten. Ihre Werke sind in verschiedenen öffentlichen und privaten Sammlungen zu finden.